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Digitales Programmheft "Die Vaterlosen"

„Die Vaterlosen“ spielt auf dem Landgut einer Generalin, das kurz vor der Zwangsversteigerung steht. Zu Beginn des Sommers trifft sich eine Gesellschaft von Freunden und Nachbarn, um die Heirat des Stiefsohns der Generalin zu feiern. Mit dabei ist auch der Dorfschullehrer Platonow, in den sich im Verlauf nicht nur die Generalin verliebt, sondern auch die frisch verheiratete Ehefrau von deren Stiefsohn. Der Zyniker Platonow, der im Stück sowohl mit Don Juan verglichen wird als auch mit Hamlet, kann mit dieser Situation nicht umgehen und sucht immer mehr im Alkohol seinen Ausweg. Und plötzlich wird auch noch sein Umgang mit Frauen kritisiert… Was wie eine fröhliche Gartenparty beginnt, wird ziemlich blutig enden.

Die Tragikomödie ist ein relativ selten gespieltes Werk von Tschechow. Es ist Tschechows erstes Stück, entstanden zwischen 1878 und 1880 und es ist sein mit Abstand umfangreichstes Werk. Auf fast 200 Seiten entfaltet der Teenager Tschechow einen schon vergleichbar reichhaltigen Figurenkosmos wie in seinen späteren Werken und verhandelt viele der Themen, die dann lebenslang sein Werk bestimmten.

Anton Tschechow wächst in Taganrog auf. In der Hafenstadt am Asowschen Meer – unweit der ukrainischen Grenze bei Mariupul gelegen – wird er 1860 geboren. Tschechows Vater, ein ehemaliger Leibeigener, betrieb einen kleinen Lebensmittelladen, mit dem der er 1876 Pleite ging. Er musste vor den Gläubigern über Nacht nach Moskau fliehen, entschied sich jedoch, dass Anton zurückbleiben sollte, um in Taganrog das Gymnasium zu beenden. Anton Tschechow verbringt also die letzten Jahre seiner Jugend alleine in Taganrog und beginnt in dieser Zeit zu schreiben. Er verliebt sich in die Schauspielerin Marija Jermolowa und widmet seiner ersten Liebe sein erstes Stück. Er schickte den Text an das Maly Theater in Moskau, das das Stück aber ablehnte. Daraufhin vernichtete Tschechow das Manuskript und erst 1920 wurde eine Erstfassung in Tschechows Nachlass entdeckt: allerdings ohne Titelblatt. Heute wird deswegen meist unter dem Titel „Platonow“ gespielt, in seinem Tagebuch schrieb Tschechow aber auch, dass er es „Die Vaterlosen“ nennen wollte. Als Tschechow schreibt, ist er selbst quasi „vaterlos“, er ist unglücklich verliebt, und seine Familie ist pleite. Drei Themen liegen auf dem Tisch, die sich durch alle seine Stücke ziehen: Konflikte verschiedener Generationen, der Wirtschaftliche Niedergang und – natürlich die (meist unglückliche) – Liebe.

Tschechow als moderner Autor
Biografin Rosamund Bartlett im Interview

Interessant ist, dass Russland speziell auch in der Gegend, in der Tschechow aufwächst, zur Entstehungszeit des Stücks eine verheerende Niederlage im Krimkrieg zwischen 1853 und 1856 zu verarbeiten hat. In den folgenden Jahren beginnt eine massive Modernisierung der russischen Gesellschaft: Militär, Verwaltung, demokratische Reformen wie die Bauernbefreiung – für eine kurze Zeitspanne scheint sich das Land zu liberalisieren. Tschechow zeigt uns vor diesem Hintergrund Figuren, die mit den Umwälzungen ihrer Gegenwart nicht umgehen können.

Um Russlands Niederlage im Krimkrieg zu tilgen, setzte Zar Alexander II. ein umfassendes Reformprogramm in Gang.

Hier geht es zum Artikel der WELT.

Ist Platonow eine positive Persönlichkeit? Diese Frage steht schon im Raum, kurz bevor Platonow das erste Mal erscheint. Die Antwort lautet bei Tschechow: Er ist der perfekte Repräsentant der Orientierungslosigkeit - und damit ein moderner Held. Ist das so? Wenn man ihn sieht, würde man sich wahrscheinlich vor allem fragen, ob das gut gehen kann. Platonow ist ein nicht ausrechenbares Phänomen und darin eine Provokation. Er steht für die Existenz im Selbstwiderspruch, für das Aushalten und Ausleben sich ausschließender, subjektiver Wahrheiten und verschiedener Lebensentwürfe. Er scheitert darin. Platonow fasziniert - und irritiert vielleicht besonders, wenn das Moralisieren in der Gesellschaft so kontrovers diskutiert wird, und wenn diese sich gleichzeitig so schonungslos den Mechanismen des Marktes unterwirft.

Platonow überschreitet aber auch Grenzen: ein Übergriff, der mit Prozess und Berufsverbot geahndet werden soll, bleibt im Original bei Tschechow ohne juristische Folgen. Die betroffene Figur Grekowa zieht die Anklage zurück und offenbart ihr Motiv aus verschmähter Liebe. Ein Narrativ, das in der Inszenierung von Jette Steckel aufgebrochen werden soll: mit einem „Zwischenruf“ von der Schweizer Autorin Katja Brunner, der den 145 Jahre alten Text des damals 18-jährigen Tschechows in gegenwärtigen Entwicklungen spiegelt, das Verhältnis von Tätern und Opfern im Bezug auf die Öffentlichkeit thematisiert und „Die Vaterlosen“ um eine weibliche Perspektive erweitert.

Sind die „Väter“ Vorbilder oder Abglanz einer zu überkommen geltenden Welt? Und wessen „Väter“ überhaupt? Die Generationen schwanken zwischen dem Vorwurf der Profillosigkeit, der damit begründet wird, dass es keine echte Reibungsfläche gäbe und dem Wunsch nach Abgrenzung, um damit das eigene Profil zu schärfen: Welche Werte teilt man mit den „Vätern“ und „Müttern“? Was beschreibt das Empfinden der Vaterlosigkeit? Die Diskreditierung der Vergangenheit oder das Gefühl, die von den Eltern geschaffene krisenhafte Gegenwart nicht bewältigen zu können? Wie findet man eine eigene Haltung zur Welt? Um diese Fragen aus Tschechows persönlicher Gegenwart in unsere Zeit weiterzudenken, wählt Jette Steckel einen Kunstgriff. Der 1949 geborene Dramaturg Carl Hegemann, mit dem Steckel eine lange Zusammenarbeit verbindet, wird in dieser Aufführung die Seiten wechseln und als Darsteller auf der Bühne stehen, wo er quasi die „Generation der Väter“ repräsentiert. Eine Generation, die noch genau zu wissen scheint, wie die Welt funktioniert – auch wenn sich vieles vielleicht längst verändert hat – oder zumindest von der nächsten Generation anders gesehen wird. Als freies Radikal wird er live bei jeder Vorstellung einen anderen Gast empfangen und mit ihnen über Gott und die Welt plaudern. So entsteht die flankierende Gesprächsreihe „Dad Men Talking“, die in Auszügen in die Vorstellungen einfließt und die sie jeweils nachträglich im digitalen Programmheft ansehen können!

Carl Hegemann im Gespräch mit wechselnden Gästen

Was während der Vorstellung „Die Vaterlosen“ hinter der Bühne geschieht, können Sie hier sehen und hören. 

Die Regisseurin Jette Steckel und der Schauspieler Joachim Meyerhoff über ihre bevorstehende Premiere von Tschechows „Die Vaterlosen“.

Jette Steckel ist 1982 in Berlin geboren. Sie studiert von 2003 bis 2007 Schauspieltheaterregie an der Theaterakademie Hamburg und wird im Jahr ihres Abschlusses neben einigen anderen Auszeichnungen und Festival-Einladungen von der der Theaterzeitschrift „theater heute“ zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt. Seit 2009 ist sie künstlerisch mit dem Thalia Theater Hamburg verbunden. Dort sind viele wichtige Arbeiten entstanden, wie beispielsweise „Don Carlos“, ausgezeichnet mit dem Rolf-Mares-Preis 2011 in der Kategorie “Herausragende Inszenierung“ oder “Die Tragödie von Romeo und Julia“, womit sie 2015 den Theaterpreis „Der Faust“ gewinnt. Jette Steckel ist eine Künstlerin, die immer wieder die Begegnung mit den unterschiedlichsten textlichen Zugriffen sucht. Sie bringt Dramen der Weltliteratur in überraschende, popkulturelle Dialoge mit Musikgrößen wie Tom Waits, Soap&Skin oder Dillon, inszeniert experimentelle Opern oder adaptiert politischen Gegenwartsromane für die Bühne. Für die Adaptionen der drei großen Nino Haratischwili-Romane „Das achte Leben (Für Brilka)“ (2017), „Die Katze und der General“ (2019) und „Das mangelnde Licht“ (2022) wird sie erneut mit dem Rolf-Mares-Preis und dem Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Jette Steckel ist eine der wichtigsten Regisseurinnen ihrer Generation, bekannt für ihre poetischen Bild- und Szenenkompositionen, die ihren Inszenierungen eine große Musikalität geben. Sie ist Hausregisseurin am Thalia Theater Hamburg und inszeniert u. a. in Berlin und Wien. „Die Vaterlosen“ ist ihre erste Arbeit an den Münchner Kammerspielen.