Digital Program Booklet "Play Auerbach!"
Kennen Sie Philipp Auerbach? Nein? Das ist nicht weiter verwunderlich, er spielt keine Rolle im öffentlichen Gedächtnis der Stadt, obwohl er unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg einer der bekanntesten Juden in Deutschland war. Als „Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“ wurde ein aufsehenerregender Gerichtsprozess in München gegen ihn geführt und ein falsches Urteil gesprochen, nach dessen Verkündung sich Auerbach das Leben nahm. Vielleicht lässt sich an wenigen Geschichten so exemplarisch und prägnant erzählen, warum die jüdische und die deutsche Perspektive auf die Shoa nach dem Ende des Naziregimes meilenweit auseinanderlagen, warum der Antisemitismus den Krieg überlebte und warum er heute wieder so sprunghaft angestiegen ist.
Der Autor Avishai Milstein hat eine auf der Rasierklinge des schwarzen Humors balancierende Erinnerungsrevue über die Persönlichkeit und die Vision Philipp Auerbachs geschrieben – Deutsche und Juden können in einem gerechten Deutschland wieder zusammenleben nach 1945. Dafür wählt Milstein die unwahrscheinlichste Form einer Revue, weil sie für seine Fantasie immer wieder die produktivste ist. Er schaut in eine Zukunft, die eigentlich schon unsere Gegenwart ist, gibt uns Show, Revue-Glitzer und Humor als Schocktherapie, um die Abgründe genauso zu benennen wie die Ausreden, Rechtfertigungen und vermeintlich guten Absichten, wenn es um Antisemitismus und die Erinnerungskultur geht. Milsteins Eltern waren Shoa-Überlebende und hielten sich nach dem Krieg in einem bayerischen Lager für „Displaced Persons“ auf. Der Sohn Avishai studierte in München und begann damals als Dauergast auf billigen Plätzen im Rang eine Liebesbeziehung zu den Münchner Kammerspielen, an die er jetzt, Jahrzehnte später, mit seiner Revue zurückkehrt.
Philipp Auerbach wird als Sohn eines religiös orthodoxen Kaufmanns in Hamburg geboren und tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Mitte der 30er-Jahre emigriert er bereits ins belgische Exil, hat eine chemische Fabrik und eine Import- und Exportfirma mit über 2000 Mitarbeitern. Nach dem deutschen Überfall auf Belgien wird er verhaftet und seine Odyssee durch verschiedene französische, polnische und deutsche Konzentrationslager beginnt. Sein Organisationstalent hilft ihm, diese Lager zu überleben, er macht sich „nützlich“, stellt Arzneimittel gegen Ruhr, Seife und Schädlingsbekämpfungsmittel für seine Peiniger her. Die Amerikaner befreien ihn 1945 schließlich im KZ Buchenwald. Ein Jahr später wird Auerbach in Bayern als Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte berufen: Er kümmert sich um die vielen nach München strömenden jüdischen Überlebenden, die Displaced Persons, die fast alle ihre baldige Ausreise nach Amerika oder Palästina erhoffen. Er hilft bei der Entnazifizierung, er versucht, ein konkretes Verfahren für die sogenannten „Wiedergutmachungszahlungen“ vorzuschlagen. Alles zusammen eine Herkulesaufgabe, an der Auerbach scheitern wird, je konsequenter, je unbürokratischer er sich diesen Aufgaben widmet. Die Kritik kommt irgendwann von allen Seiten, sowohl von den Deutschen wie auch Jüdischen Organisationen. 1951 wird das Entschädigungsamt von der Polizei besetzt und durchsucht, Auerbach wird verhaftet und 1952 vor ein Gericht gestellt. Im Gerichtssaal sitzt er einer Riege ehemaliger NS-Juristen gegenüber. Auerbach kann nicht glauben, dass er verurteilt werden wird. Als genau das geschieht, nimmt er sich das Leben und hinterlässt einen öffentlichen Abschiedsbrief:
„Ich habe mich niemals persönlich bereichert und kann dieses entehrende Urteil nicht weiter ertragen. Ich habe bis zuletzt gekämpft, es war umsonst …”
Zwei Jahre später findet die vollständige Rehabilitation Auerbachs durch einen Untersuchungsausschuss des bayrischen Landtags statt. Die öffentliche Meinung ändert sich allerdings nicht, er bleibt als „enfant terrible“ im Gedächtnis, jemand, der „zu viel“ Konfrontation suchte, und wird vergessen. Wenn man die Gründe für Auerbachs Scheitern ansieht, wird man unweigerlich auf sich selbst und alle blinden Flecken der eigenen Geschichtserzählung zurückgeworfen.
Genau hier setzt Milsteins Erinnerungsrevue an. Im Jahr 2045 – jüdisches Leben in Deutschland gibt es nicht mehr, in Theatern wird kein Theater mehr gespielt – will sich eine engagierte Laienspielgruppe mit einer Revue an das Jahr 1945 und Phillipp Auerbach erinnern. Beate, die örtliche Antisemitismusbeauftragte, leitet die Proben. Sie wünscht sich, dass ihre Revue vielleicht einige Juden überzeugen kann, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Wie aber erzählt man über Juden, wenn es keine mehr gibt? Wie begreift man, warum sie verschwunden sind? Meistens macht man alles falsch, wenn man alles richtig machen will. Und dann meldet sich ein Schauspielprofi, der unbedingt den Auerbach spielen will, weiß eigentlich alles besser und verschmilzt mit seiner Rolle, so dass die Zeitebenen immer weiter verschwimmen.
„Humor ist der effizienteste Schutzwall, den es gibt. Ich wünsche mir tatsächlich, dass statt Raketen Witze geschossen würden, und Gegenwitze statt Abfangraketen.“
Die Regisseurin Sandra Strunz hat mit Rainer Süßmilch und Phillipp Hagen zwei großartige Musiker, mit Kabarett, Revue und Swing-Referenzen, an Board, um sich mit einem furchtlosen Ensemble rund um Samuel Finzi, der als Gast mit einer eigenen jüdischen Biographie die Rolle des Auerbach spielt, in die Abgründe dieser Geschichte zu stürzen. Die eigens komponierte Musik bedient sich zudem geräuschhafter, „kaputter“ Klänge, die nie den überlebten Horror der Naziherrschaft vergessen lassen und ebenso bedrohlich wie eigenwillig schön klingen. Das Finstere wird grell ausgeleuchtet und das Böse durch Witze in Schach gehalten.
Musikalische Einblicke
In der Musik, die Philipp Hagen und Rainer Süßmilch für „Play Auerbach!“ komponiert haben – und die sie live und vollständig analog spielen – gibt es Bezüge zu Kabarett- und Revuetradition, wie auch geräuschhafte, „kaputte“ Klänge, die nie den überlebten Horror von Naziherrschaft und Krieg vergessen lassen und ebenso bedrohlich wie eigenwillig schön klingen können – nur um im nächsten Moment in einen ausgelassenen 50er-Jahre Swing zu kippen.
Serviervorschlag: Gerne mit Kopfhörern anhören.